Dienstag, 11. Oktober 2011

Typisch Deutsch

"Deutschland und die Welt" heißt einer meiner Lieblingsseiten meiner Lieblingszeitung. Deutschland und die Welt -  was bedeutet das?
Hier fängt man wohl oder übel an sich Gedanken zu machen, was es eigentlich gibt, wovon man sagen kann: Ja, so ist das in Deutschland. Das ist deutsches Essen. Essen ist ja noch am einfachsten. Da gibt es nicht nur deutsches Bier (viel :D), sondern vorallem auch deutsches Brot. Ihr glaubt gar nicht, wie mir die deutsche Brotkultur fehlt. Sonnenblumenkernbrot, Rosinenbrötchen, Brezeln. Farina, Stephie und Görge mussten mir alle Brot mitbringen :D. Oder noch mehr unsere Essgewohnheiten: Morgens süß, Mittags sehr gut, abends Stulle mit Brot (um meine Oma zu zitieren). Gut. Das könnte echt ein Großteil der Deutschen so machen. Aber sonst? Volkstänze, populäre Volkslieder - Fehlanzeige.
Lebensgewohnheiten: Einfach. Die Deutschen sind schon 5 Minuten vor Beginn in der Messe, die Brasilianer eher 5 Minuten zu spät. Unsere Dinge sind meistens aufgeräumt. Wir sind gerne präzise. Wir sprechen alle Englisch ziemlich gut und haben ein großes Allgemeinwissen. Das sind die Dinge, die man sehen kann, auch wenn wir alle (Stephie, Fari und ich) völlig unterschiedliche Persönlichkeiten sind.
Und dann ist da natürlich noch die deutsche Sprache, mit der man uns identifizieren kann. Genau da setzt eine Begebenheit vom Sonntag ein. Ich habe am Nachmittag mit zwei Equadorianerinnen (Marita und Pris), einer Spanierin (Irene) und einer Koreanerin (Lina) einen Film geschaut. Alles auf Italischisch bis auf wenige Passagen. Es war "Das Leben ist schön" und - wie ihr vielleicht wisst - spielt nicht nur in einer toskanischen Stadt 40 Minuten von hier mit der Bahn, sondern auch in einer ganz speziellen Zeit: Im 2. Weltkrieg. Und diese nicht-italienischen Passagen sind natürlich auf Deutsch. Ja. Und Nazideutschland ist der Protagonist, der den Hauptdarsteller zum Schluss erschießt, der Kinder und Alte vergast und einen riesigen Leichenberg auftürmt.
Nun, dass ist nichts Neues für uns. Wir haben das ja alles schon in der Schule tausendmal durchgekaut. Eigentlich. Denn, schaut mal einen Kriegsfilm mit Nicht-deutschen! Versteht mal alles, was die Verbrecher sagen -  und die anderen, mit denen ihr diesen Film schaut, nicht! Erst hab ich das gar nicht überrissen, aber dann hat mich ein merwürdiges Gefühl beschlichen. Sicher, ich hab da nicht mitgemacht, meine Eltern nicht, meine Großeltern waren da noch Kinder. Aber mein Volk hat das gemacht, auf dessen Eigenschaften ich mich berufe, dessen Brot ich esse, dessen Sprache ich spreche. Also hat es was mit mir zu tun.
Aber niemand meiner Mitschauerinnen hat etwas gesagt.
Dann gibt es da eine Szene, in der der Protagonist die Regeln für das KZ so falsch übersetzt, dass sein Sohn glaubt, dass alles ein einziges großes Spiel ist. Diese Szene hab ich für meine Freundinnen simultan auf Deutsch übersetzt. Danach habe ich gemerkt, dass ich mich dadurch zu diesen Verbrechen und zu diesem deutschen Volk auf diese Weise bekannt habe. Allerdings hat dieses Wissen nicht beklemmt, es hat befreit.
Es ist schwer zu beschreiben, aber durch diese kleine Sache ist uns allen klar geworden, dass man mit dieser christlichen Nächstenliebe, die hier wir immer versuchen zu leben (tut mir leid, dass das so abge"space"t klingt, aber ich finde kein anderes Wort), sogar solche riesigen Verbrechen wie das Hitlerregime überwinden kann. Nicht in einer Weise, dass man vergisst, was passiert ist oder abstreitet, was damit zutun haben (was ich zum Schluss in Deutschland noch gemacht habe), sondern damit man mit diesem Wissen gemeinsam weitergeht, neu anfängt und eine neue Welt gestaltet. Das gibt doch Hoffnung, oder? Denn schließlich fängt alles im Kleinen an.
Ich hoffe, ihr hab das irgendwie verständlich gemacht, aber für mich war das echt ein starkes Erlebnis.
Danke :)

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